Wie erreichen Eltern Erziehungskompetenz?
- durch Erfahrung?
- Lernen aus Fehlern?
- durch Versuch und Irrtum?
- oder so wie man jeden anderen Beruf erlernt, nämlich durch Ausbildung und Anwendung erprobter Methoden?
Wer sind die Leidtragenden bei mangelhafter elterlicher Erziehungskompetenz? Diese Fragen stelle ich mir immer wieder, wenn ich Eltern im Umgang mit ihren Kindern beobachte. Was meinen Sie zu folgenden typischen Eltern-Kind-Szenen? Sonntagsspaziergang an der Alster: Am Leinpfad schiebt der Vater eine Kinderkarre mit dem etwa 1½ jährigen Micha. Vor ihm radelt die ca 3 jährige Anna eifrig auf ihrem Laufrad. Die Mutter geht 5 Schritte vor ihnen, in ein Telefonat vertieft. Eine Fahrradfahrerin kommt ihnen entgegen und klingelt. Die Mutter dreht sich um, herrscht Anna barsch an: „Du musst auf dem Fußweg bleiben!“ Anna radelt weiter, wie bisher. Der Vater mischt sich ein: “Gib jetzt das Laufrad her, hier ist es zu gefährlich! Später bekommst du es wieder.“ Anna hält das Laufrad krampfhaft fest und schreit: „Nein!“ Der Vater ergreift das Rad, verstaut es auf der Karre und zerrt Anna in die untere Etage der Karre. Die Mutter kommentiert: „Du bist wohl müde.“ In der Enge des Karrensitzes windet Anna sich heftig und brüllt. Der Vater befreit sie schließlich. Die Mutter hört jetzt auf zu telefonieren, ergreift die Hand von Anna und sagt: “Jetzt musst du mich anfassen!“ Anna reißt sich los und stampft laut schreiend 3 Schritte hinter den Eltern her. Inzwischen ist der Trupp auf der Krugkoppelbrücke angekommen. Dem Vater wird es zu bunt. Energisch befielt er Anna: „ Du hörst sofort auf zu heulen, sonst bekommst du das Laufrad heute nicht wieder!“ Anna brüllt weiter.Endlich erreicht die Familie den Alsterpark. Die Mutter fragt Anna: “Möchtest du eine Fruchtschnitte?“ Anna hört gar nicht vor lauter Schreien. Die Mutter startet einen neuen zaghaften Ablenkungsversuch: „Guck mal, dort schwimmen Enten auf der Alster.“ - Das Geheul geht weiter. Auch der Vater hat kein Glück mit Begütigungsversuchen. - Ich bin gespannt, wie das Drama weitergeht. Ob das Laufrad wirklich konsequent außen vor bleibt? Das kann ich mir bei diesen „Erziehungsmethoden“ kaum vorstellen! Wie vermutet, bietet der Vater Anna das Rad erneut an. Diese hat sich jedoch so in ihre Wut gesteigert, dass sie das Rad heftig wegschubst und sogar die Mutter tätlich angreift. Dann will sie sich Luft verschaffen und zerrt sich ihre Jacke vom Leib. Die Mutter protestiert: „Die Jacke musst du anbehalten, es ist zu kalt.“ Anna: „Nein es ist nicht kalt, ich habe eine Bluse an!“ Dabei lässt sie sich vom Vater bedienen, der ihr die Bluse zuknöpft. Aus dem Machtkampf mit den Eltern aussteigen tut sie erst, als der Bruder zum Erziehungsobjekt wird. Micha wird aus der Karre gehoben, entledigt sich ebenfalls seiner Jacke, gegen den Protest der Mutter. Diese bemüht sich mindestens zehn Mal, ihm wenigstens die Mütze auf den Kopf zu setzen. Vergeblich! Micha reißt sie sofort wieder runter. Mit seinen kleinen Beinchen wuselt er schnell davon. Sofort radelt Anna auf ihrem Laufrad hinterher und befiehlt dem Brüderchen: „Du darfst nicht ans Wasser, sonst fällst du rein!“ Kurze Zeit später wird Micha zurück in die Karre gesetzt und der Familienfriede scheint wieder hergestellt zu sein. Doch besonders glücklich sehen die Eltern nicht aus. Auch Anna genießt nur scheinbar ihre erstrittene Freiheit. Während sie willkürlich vor und zurück durch die Spaziergänger radelt, wirft sie einen lauernden Blick auf die Eltern, ob denen wohl ihre Eskapaden gefallen?
Für mich stellt sich die Frage: Was hat Anna gelernt? Und wie wird es in dieser Familie weitergehen? Eins will ich den Eltern nicht absprechen. Sie möchten, dass es ihren Kindern gut geht. Geduldig versuchen sie es immer wieder von neuem, doch leider mit untauglichen Mitteln! Bedauerlicher Weise sind diese Mittel nicht nur untauglich, sondern schädlich für die Entwicklung ihrer Kinder! Die frühe Kindheit ist eine sehr wichtige Entwicklungsphase für Kinder. Es werden wesentliche Grundlagen für das ganze Leben gelegt. Das, was Kinder in diesen Monaten und Jahren lernen, entscheidet über ihre Lebenseinstellung und über ihre Zukunft. Ungünstige Verhaltensmuster sind später nur schwer zu korrigieren. Schauen wir uns einmal an, was Anna an diesem Sonntag gelernt hat, der vermutlich typisch für andere Tage ist, an denen noch der Alltagsstress hinzukommt:
- Anna hat erfahren: „Ich bin der Boss. Meine Eltern parieren, wenn ich meinen Willen energisch durchsetze. Wenn mir was nicht passt, schreie und wehre ich mich solange, bis ich meinen Willen bekomme. Toll, dass das Leben so funktioniert. Ich werde mich überall zur Wehr setzen.“
- Bald wird Anna die Erfahrung machen, dass Erzieher in der Kita und Lehrkräfte in der Schule nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollen. Doch da Anna keine Frustrationstoleranz entwickelt hat, wird sie mit ihrem egozentrischen Verhalten anecken, auch bei Freunden. Die Schuld wird sie bei den anderen suchen und sich beschweren. Ihre ungezügelte Emotionalität hindert sie, sich sachlichen Dingen zuzuwenden, darunter leidet ihre Lernfähigkeit. Schade um ein vermutlich begabtes Kind!
Und was haben die Eltern gelernt? Da sie mit ihren gut gemeinten Erziehungsmethoden kläglich gescheitert sind, werden sie mehr und mehr resigniert das Handtuch werfen und sich an Illusionen klammern, wie: „Konflikte sind normal. - Es wird schon gut gehen. - Kinder kommen wohl irgendwann mal zur Besinnung.“ Viel zu spät werden sie zu der Erkenntnis kommen, dass sie fachliche Hilfe benötigen. Dann sind jedoch bei den Kindern die Verhaltensweisen so eingeschliffen, dass ein Umlernen schwierig ist. Außerdem ist kostbare Zeit verloren gegangen.
Vielleicht fragen Sie sich: Was geht mich diese Familie mit mangelhafter elterlicher Erziehungskompetenz an? - Tatsächlich geht es uns alle an. Zunächst einmal wird unser Gesundheitssystem belastet: Die Praxen der Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, bzw. Kliniken, können den Therapiebedarf nicht decken, um die Störungen des Sozialverhaltens und andere erworbene psychische Schäden bei Kindern und Jugendlichen zu kurieren. Ferner geht es um die Zukunft unserer Gesellschaft: Wenn Kinder zu Egozentrikern erzogen werden, keine Frustrationstoleranz, kein Verantwortungsbewusstsein und keinen Gemeinsinn entwickeln, so wird sich das auf die kommende Generation von Erwachsenen problematisch auswirken. Ihrer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!
Wie viel einfacher und effektiver wäre es, wenn Eltern sich rechtzeitig schulen lassen und Erziehungskompetenz durch den Besuch von Kursen erwerben würden! In der Tat gibt es ausgezeichnete Erziehungsmethoden, die den Eltern helfen, gegenseitigen Respekt zu fördern, Grenzen zu setzen und Konsequenzen sinnvoll anzuwenden. Schon vor fast hundert Jahren haben Alfred Adler und Rudolf Dreikurs Erziehungsmethoden für das Leben in der Demokratie entwickelt. Näheres finden Sie unter www.kinder-respektvoll-erziehen.de. Doch rein theoretisches Wissen bringt wenig. Nachhaltige Methoden müssen eingeübt werden, wie bei STEP-Elterntrainings (Systematisches Training für Eltern und Pädagogen). Von erfahrenen Kursleitern werden in einem zehnwöchigen Trainingskurs erprobte Erziehungsmethoden vermittelt und trainiert.