Bin ich bekloppt?

Frau Fiedler kommt in meine Praxis. Sie beklagt sich über ihre 14jährige Tochter Carolin. Sie würde die Schule schwänzen, ließe sich nichts mehr sagen und sei ihr gegenüber frech. Ihr Exmann würde keinerlei Verantwortung für ihre beiden Kinder übernehmen. Sie müsse gestehen, dass sie am liebsten wolle, dass Carolin aus dem Haus wäre, weil sie oft einen Hass auf Carolin verspüre.

Zunächst möchte ich von Frau Fiedler wissen, wie es ihr persönlich geht. Als Krankenschwester ist sie wegen einer Operation an der Wirbelsäule seit längerem krank geschrieben. Frau Fiedler äußert, dass sie oft müde sei, sich schwindelig fühle und ein Juckreiz sie nicht selten aggressiv mache. Dann ticke sie manchmal aus. Das kenne sie gar nicht von sich, ob sie bekloppt sei?

Mich beunruhigen Frau Fiedlers Angaben. Ich erkundige mich, welches Medikament sie einnimmt und erfahre, dass ihr seit einem Jahr, seit der Wirbelsäulenversteifung, ein Schmerzmittel verschrieben würde. Sie sei froh, dass die Schmerzen dadurch erträglich seien. Doch auf dem Beipackzettel werden genau die Symptome, unter denen Frau Fiedler leidet, als Nebenwirkungen aufgezählt. Das Medikament mache zudem abhängig und dürfe nur eine kurze Notlösung sein. Frau Fiedler sagt, dass sie keine Beipackzettel lesen würde, da viele Angaben zu schockierend seien. Sie müsse doch dem Nervenarzt vertrauen.

Ich erkläre Frau Fiedler die Zusammenhänge zwischen dem Medikament und ihrer Befindlichkeit und die Gründe, warum sie vermutlich auf ihre Tochter so aggressiv reagiere. Ich rate Frau Fiedler ihren Nervenarzt um ein anderes Medikament zu bitten. Außerdem schlage ich ihr ein gemeinsames Gespräch mit ihrer Tochter in meiner Praxis vor, damit Carolin die Gereiztheit ihrer Mutter, aber auch ihre Sorgen um ihren Schulbesuch besser versteht. Dieser Termin verläuft wie geplant. Frau Fiedler hört sich bereitwillig Carolins Probleme mit der Schule an und entwickelt gemeinsam mit ihr Lösungen.

Die Erfahrungen mit Familie Fiedler machen mich sehr nachdenklich, denn Ärzte verschreiben heutzutage, weit mehr als noch vor 20 Jahren, zahlreiche, von der Pharmaindustrie angepriesene Medikamente, die jedoch fatale Wirkungen auf die psychische Gesundheit haben.

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