Fahrradkarambulage

„Das Gute-Nacht-Ritual habe ich gleich nach der letzten Therapiesitzung eingeführt“, berichtet Freds Mutter stolz. „Das ist wirklich toll! Fred hat erstmalig von seinen Schwierigkeiten erzählt. Er gibt sonst nie Fehler zu, sondern brüstet sich mit maßlosen Erfolgen.  Gestern Abend gestand er: Mama, ich weiß gar nicht, warum ich immer so aggressiv werde! Er hat berichtet, was ihn so genervt hat. Gemeinsam konnten wir in Ruhe über sein Missgeschick sprechen. Für heute Abend,“ so fährt Frau T. fort, „habe ich selber bereits ein Thema. Auf dem Herweg hatte ich einen Fahrradzusammenstoß.“Natürlich erkundige ich mich sofort, wie es ihr jetzt geht. Frau T. beruhigt mich, sie würde wohl mit blauen Flecken davon kommen. Begeistert greife ich nun das Thema auf: „Eine Mutter, die kindgemäß über eigene Schwierigkeiten spricht, ist ein ausgezeichnete Model für ihre Kinder.“ Frau T. will nicht nur über den Unfall berichten und eigenes Fehlverhalten zugeben (sie hatte ihr Rechts-Abbiegen nicht angezeigt und keinen Helm getragen).Vor allem will Frau Freds Mutter mit den Kindern erarbeiten, welche Gefühle sie heute bewegt haben und wie sie damit umgegangen ist. Und Gefühle hatte sie nacheinander viele: Angst, Schmerz, Schuldgefühle, Ärger über sich und den Rennfahrer, der sie rechts überholt hat, Besorgnis bei seinem Sturz; schließlich Dankbarkeit und Freude, dass ihr nichts Ernstes zugestoßen ist und jeder für seinen Schaden selbst aufkommt. Die Kinder können bei diesem Gespräch nicht nur vertrauter mit Gefühlen werden sondern auch erkennen, dass es begleitende körperliche Symptome gibt: Bei Angst –  Zittern, Schweißhände, Bauchweh; bei Scham- und Schuldgefühlen – Rotwerden usw.Zum Schluss will Frau T. den Kindern sagen, dass Fehler den Vorteil haben, dass man durch sie lernen kann. Sie wird in Zukunft einen Fahrradhelm tragen und eine achtsamere Verkehrsteilnehmerin sein. Dass die Gangschaltung an ihrem Fahrrad kaputt ist, sei bedauerlich, aber es gäbe Schlimmeres. Sie sei sehr dankbar, dass sie so glimpflich davon gekommen ist, im Gegensatz zu dem Rennfahrer mit einem völlig verbogenen Fahrrad.

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