Fröhliche Ostern?

Zum 2. Ostertag habe ich Frau Gleichmuth mit ihrem achtjährigen Max und der fünfjährigen Susi eingeladen zum fröhlichen Spielen im Park. Mit großer Freude habe ich für jeden eine durchsichtige Tüte mit Häschen und kleinen Geschenken eingepackt. Zur verabredeten Zeit erwarte ich die Familie im Grünen. Erstmal dürfen die Kinder sich beim Ballspielen austoben. Als Susi die bunten Botgerkugeln sieht, strahlt sie, denn beim letzten Treffen hatte nur Max den Spaß, mit mir zu spielen. Doch was ist das? Max äußert missmutig :“Ich habe keine Lust dazu!“ –  Schließlich, seine Mutter redet ihm gut zu, macht er doch mit.

Irgendwann verstecke ich unbemerkt die Ostertüten im Gebüsch. Ich sage zu den Geschwistern: „Der Osterhase hat für jeden, auch für Mama, etwas versteckt. Was Ihr gefunden habt, bringt bitte erst zu uns. Dann wollen wir gemeinsam raten, für wen welche Tüte gedacht ist.“ Die Kinder laufen los. Max entdeckt gleich 2 Verstecke. Die Mutter ruft ihm zu: „Lass auch was für Susi!“ Ihre Bitte verhallt ungehört, denn schon rennt Max weiter, grabscht die dritte Tüte und lässt Susi weinend im Grase zurück. Schließlich kommt Susi zu uns. Ich habe die Hoffnung: „Vielleicht errät sie, dass die niedliche Dose mit der Perlenkette für sie ist und wird in der Freude den Kummer von eben vergessen.“ Weit gefehlt! Jetzt fängt sie erst richtig an zu heulen, als sie sieht, dass die Tüte von Max zufällig etwas größer ist als die Ihre, und zwar bevor sie weiß, was für Schätze wirklich für sie sind! Kein Dank, keine Freude!

Später, als wir auf einer schattigen Bank Schokokuchen verzehren, scheint der Familienfriede wieder hergestellt zu sein. Bald vergnügen sich die Kinder auf dem nahen Spielplatz und die Erwachsenen bleiben sinnend auf der Bank zurück. Unvermittelt kommt Max und herrscht seine Mutter an: „Hast Du die Bänder von meiner Marionette schon auseinander getüftelt?“ Frau G. vertröstet ihn auf später. Max greift sich den Ball und düst wieder ab. –  Ich spüre, dass in dieser Familie etwas schief läuft, ….. doch was? 

Dienstag kommt Frau Gleichmuth in meine Praxis. Ihr hat unser gemeinsamer Osternachmittag gefallen. Sie hat nichts Besonderes bemerkt. Das Fordern, Jammern und Streiten der Kinder nimmt sie offenbar als unabänderlich hin und meint, dieses ertragen zu müssen. Ich teile ihr meine Überlegungen mit, dass wir uns beide, ohne es richtig zu bemerken, durch Max und Susi haben manipulieren lassen. Mir ist klar geworden, woher es kommt, dass in dieser Familie immer wieder Unfriede herrscht. Und das, obwohl ich oft beobachten konnte, wie Max seine Mutter beim Abschied drückt und sie sich gegenseitig versichern: „Ich hab dich lieb!“

Was diesen Kindern fehlt, ist Orientierung, denn Kinder brauchen Grenzen und Konsequenzen. Sie müssen Frustrationstoleranz üben und respektvolles Verhalten lernen. Solange ihnen dieses fehlt, sind sie nicht glücklich, vielmehr oft frustriert und aggressiv. Sie ecken überall an. Klagen aus der Kita und der Schule, sowie Schuldgefühle der Mutter bleiben nicht aus. Mit diesen Problemen ist sie erheblich belastet. Der ihr andern Orts gegebene Rat, sich in Geduld zu üben, ist nicht die Lösung. Mir drängt sich die Vermutung auf, dass sogar die Konzentrationsstörungen von Max und seine sonderbare Vergesslichkeit die Folgen von Orientierungslosigkeit sein könnten!

Frau Gleichmuth hört mir aufmerksam zu und will wissen, was sie tun kann. Sie hat erkannt, dass ihre Familie Strukturen braucht, um aus dem Chaos, zu dem sie sich bekennt, herauszukommen. Doch wo anfangen?…. Mir fallen die SuperMamas ein, die vielen Familien in ähnlichen Situationen geholfen haben. Wir erarbeiten gemeinsam Ziele, die Frau G. gleich in ihrem Notizbuch notiert. Gerne will sie das Launometer einführen. Sicher werden die Kinder an den täglichen Bewertungen Spaß haben. Auf einer für alle sichtbar hängenden Tabelle werden lustige Symbole gemalt oder die zuvor gebastelten eingeklebt: Eine Sonne am Vor- oder Nachmittag bedeutet: Kein Gejammer, kein Streit. Eine Wolke steht für schlechte Laune, ein Blitz für Aggressivität. Wenn der Eifer der Kinder mal nachlassen sollte, kann man für 10 Sonnen eine kleine Belohnung ansetzen.

Frau Gleichmuth fragt mich, ob Max sich sein Schulbrot selber machen kann, obwohl sie befürchtet, dass er Nutella zu dick aufstreichen wird. Erstmal will ich wissen, wie es sonst in der Familie zugeht. Der Morgen ist der Türöffner für den Tag! Wie klappt es mit dem Wecken, dem Aufstehen und einem gemeinsamen Frühstück? Und da liegt bereits der Hase im Pfeffer! Frau B. gesteht, dass sie morgens schlecht aus den Federn kommt. Und dann sind Hektik und Streit ist vorprogrammiert. Wann beginnt das Problem? ….. Abends, wenn Frau G. gegen 10 Uhr müde wird, vertrödelt sie eine Stunde, bis sie gegen 23 Uhr schließlich im Bett liegt. Das will sie ändern und hofft, dass sie sich auf ihrer Tabelle viele Sonnen für rechtzeitiges Aufstehen geben kann. Die gewonnene Zeit und Ruhe ermöglicht ein gemeinsames Frühstück für alle. Und dann darf Max für sein Schulbrot selber sorgen, wenn er sich an vorher vereinbarte Regeln hält. Mir fällt ein Spruch ein: „Wo Zeiteinteilung ist, da verschwindet alle Hast, da ist alles zur rechten Zeit getan.“ Doch es wird nicht einfach sein, die bereits eingeschliffenen Verhaltensweisen durch sinnvolle zu ersetzen. Ja, Erziehen ist wirklich kein Kinderspiel!

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